Mittwoch, 24. Februar 2016

Der Tisch

                                                                                 von E.R. Hager


Es war einmal ein Tisch, auf dem trug sich alles zu. Kinder wurden auf ihm gezeugt, Tiere getötet und zerteilt, Speisen zubereitet und gegessen. Es wurde gefeiert und geweint an ihm. Bald wurde er als Esstisch zu klein und diente fortan den Kindern, die ihre Hausaufgaben an ihm machten. Immer wieder wurde er verrückt, doch er gewöhnte sich schnell daran. Er wurde in einen anderen Teil der Stadt gebracht, in eine neue Wohnung, dann in ein Haus am Stadtrand. Er wurde von alternden Händen gebeizt, die ihn von den Landkarten befreiten, die die Kinder auf ihm hinterlasse hatten. Die Kinder waren schon groß und besuchten das Haus nur noch selten. Wenn sie kamen, dann im Beisein neuer Kinder, ihrer eigenen. Als die Bewohner des Hauses starben, erst der Mann, dann, Jahre später, die Frau, nahm einer der Söhne den Tisch mit, lud ihn auf einen Pick Up und fuhr damit in eine andere Stadt. Und wieder stand der Tisch zunächst in einem Esszimmer und später, auch diese Kinder wurden älter, im Zimmer der jüngsten Tochter. Sie malte und schrieb auf ihm, während ihr braunes langes Haar über die Tischplatte floss. Es war eine große, goldene Zeit. Dann kam der nächste Wechsel. Das Mädchen, eine Frau jetzt, trug ihn fort über die Grenzen des Landes. Das Holz ächzte unter der ungewohnten Hitze, doch was machte das schon. Die Frau war glücklich an diesem Ort, der Tisch hatte kein Gefühl. Eines nachts brannte es im Haus. Das Feuer kroch unter der Tür hindurch in das Schlafzimmer der Frau und tanzte über alles und jeden, auch über die Frau, auch über den Tisch. Die Frau überlebte das Feuer knapp. Ihre Haut wuchs an Stellen nicht mehr nach. Ein Bein blieb für immer im Feuer. Auch der Tisch hatte stark gelitten, bis auf eine der hinteren Ecken war er verkohlt. Die Frau, sentimental wie sie war, hielt sich das verbliebene Tischbein ans Knie und humpelte damit vor den Spiegel. Sie gefiel sich mit dieser kühnen Narbe und ließ sich das Tischbein für den Zweck adjustieren. So lernte der Tisch in seiner letzten Zeit das Laufen. Er sah viele Regionen der Welt. Als die Frau Jahrzehnte später starb, begrub man mit ihr auch das Tischbein, unweit des Waldes aus dem der Urgroßvater das Holz für den Tisch eines Morgens mit der Motorsäge gesfräst hatte.