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Dienstag, 7. April 2020

Was ich jetzt gerne riechen würde

das Fell eines unbekannten Hundes


den Moder der Umkleiden im Schwimmbad


versalzene Pommes, Schwimmflügel, Sonnencreme


das Haargel des Schleimers am Bahngleis neben mir


verschütteten Wein in einer WG-Küche nach Mitternacht


die ungeduschte Sexiness eines ausgedehnten  Sonntagsausflugs


vorbeiwehende Düfte von Gerichten, die ich nie essen würd'


den Mief vollgestopfter Gangways kurz vor dem Abflug


die nikotingeschwängerten Vorhänge im Café Rainer


den Schweiß meiner Sitznachbarin in der Gondel


den Familiengeruch befreundeter Wohnungen


den muffigen Samt eines Kinosessels


den Klostein im Bad meiner Oma


die pudrige Süße ihrer Haut


  

Montag, 26. September 2016

2. SPÄTI Biennale - Bilder & Kritik von Regine Schütz

Spät, aber doch, kommt hier ein Nachtrag zur wunderbaren 2.SPÄTI BIENNALE! Es war ein glorreicher Abend im Mariannenkiez!!! Die Menschen! Ihre Werke! Das Wetter! Die Braukunst & natürlich die großartigen Späti Betreiber_innen... DANKE an alle Beteiligten & die vielen Gäste! 

Hier der Link zu einem Bericht von Regine Schütz: "KUNST FÜR ZU SPÄTI GEKOMMENE...& einige Bilder:

Vor dem Video-Späti ©Regine Schütz

Langsam wird es voll... ©Regine Schütz

TAGE von Elisabeth R. Hager & Neele Hülcker im Klangkunst-Späti
in der Waldemarstraße ©Regine Schütz

Konzert-Späti Wrangelstr. 5 ©Regine Schütz

Die "Waterbabies" in concert ©Regine Schütz

Im Späti ©Regine Schütz

Open Air Lesung mit Valentin Moritz, Saskia Trebing & Hannes Köhler
auf dem Mariannenplatz ©Regine Schütz

Kunst-Späti mit Bildern von Elke Vogl &
Hörspielen von Fides Schopp und Claire Horst ©Regine Schütz

Freitag, 2. September 2016

Die Programmhefte sind da!

Frisch aus der Druckerei: die Programmhefte für die 2. SPÄTI BIENNALE am 10.09.! Ab morgen auch in den teilnehmenden SPÄTIS! HurrAAA!


Sonntag, 28. August 2016

Das Programm der 2.SPÄTI BIENNALE ist da!

Knapp zwei Wochen noch, dann geht die 2. SPÄTI BIENNALE rund um den Kreuzberger Mariannenplatz über die Bühne! & hier das gesamte Programm auf einen Blick! Juhuu!


Dienstag, 16. August 2016

Donnerstag, 9. Juni 2016

Trampolissimo Schreibwerkstatt 2016: Jetzt Plätze reservieren!



Die Zeit, es hält sie niemand auf.

Datum: 22. August 2016
Uhrzeit: 9:00 - 12:00 Uhr
Schreibwerkstatt für junge Menschen ab 8 Jahren mit der Autorin Elisabeth R. Hager
Montag, 22. bis Mittwoch, 24. August 2016
jeweils von 9:00 bis 12:00 Uhr

Präsentation: Mittwoch, 24. August, 11:00 Uhr
In der diesjährigen Trampolissimo Schreibwerkstatt gehen wir schreibend einem Phänomen auf den Grund, das ungreifbar ist und uns doch ständig umgibt: der ZEIT. Sie rast, sie rinnt, sie kriecht, sie springt. Sie dreht sich im Kreis und bleibt stehen. Wie vergeht Zeit in einem Text? Wie macht man sie sichtbar? Wie hält man sie an? In der Schreibwerkstatt gehen die TeilnehmerInnen mit der Schriftstellerin Elisabeth R. Hager auf Zeitreise, in die Zukunft, die Vergangenheit und bis hinein ins Jetzt.
Bitte mitbringen: Jause, Schreibzeug und Spaß beim Schreiben und Lesen!

Ermäßigt: 45 €
Vollpreis: 45 €

Mittwoch, 1. Juni 2016

DER KNOCHEN - online nachhören



JETZT online nachhören....!

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Der Knochen

Von Elisabeth R. Hager
Elisabeth R. Hager
Elisabeth R. Hager / ©privat 
Auf einer Klassenfahrt nach Wien lässt Elisabeth in der Michaelergruft einen Knochen unbemerkt in ihrem Rucksack verschwinden. Viele Jahre bleibt der Knochen unentdeckt. 
Als Elisabeth sich als Erwachsene wieder mit ihm beschäftigt, beginnt für beide eine zweite große Reise. In eigenwillig schönen Schleifen zieht sich diese autobiografische Begebenheit über fast 15 Jahre, bis der Knochen an seinen angestammten Platz zurückfindet.
Regie: die Autorin
Mit: Erika Hager, Robert Perger, Katharina Zobler, Pater Peter van Meijl und der Autorin
Musik: Karlheinz Essl, Martin Mallaun, Therapy u.a.
Ton: Jean Szymczak
Produktion: Autorenproduktion 2014

Länge: 48'14


Elisabeth R. Hager, geboren 1981 und aufgewachsen in Tirol, studierte 2000-2007 in Innsbruck, Aix-En-Provence und Berlin, arbeitete seit 2004 an Berliner Off-Theatern, seit 2007 als Journalistin und Autorin, seit 2010 als freie Mitarbeiterin in der Hörspielabteilung von Deutschlandradio Kultur. 2012 erschien ihr Romandebüt "Kometen".

Samstag, 14. Mai 2016

DER KNOCHEN - im Radio & online


DER KNOCHEN - Hörspiel
01.06.2016 | 21:30 Uhr 
Deutschlandradio Kultur 
Nach der Sendung 8 Wochen online!

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Der Knochen

Von Elisabeth R. Hager
Elisabeth R. Hager
Elisabeth R. Hager / ©privat 
Auf einer Klassenfahrt nach Wien lässt Elisabeth in der Michaelergruft einen Knochen unbemerkt in ihrem Rucksack verschwinden. Viele Jahre bleibt der Knochen unentdeckt. 
Als Elisabeth sich als Erwachsene wieder mit ihm beschäftigt, beginnt für beide eine zweite große Reise. In eigenwillig schönen Schleifen zieht sich diese autobiografische Begebenheit über fast 15 Jahre, bis der Knochen an seinen angestammten Platz zurückfindet.
Regie: die Autorin
Mit: Erika Hager, Robert Perger, Katharina Zobler, Pater Peter van Meijl und der Autorin
Musik: Karlheinz Essl, Martin Mallaun, Therapy u.a.
Ton: Jean Szymczak
Produktion: Autorenproduktion 2014

Länge: 48'14

Elisabeth R. Hager, geboren 1981 und aufgewachsen in Tirol, studierte 2000-2007 in Innsbruck, Aix-En-Provence und Berlin, arbeitete seit 2004 an Berliner Off-Theatern, seit 2007 als Journalistin und Autorin, seit 2010 als freie Mitarbeiterin in der Hörspielabteilung von Deutschlandradio Kultur. 2012 erschien ihr Romandebüt "Kometen".

Donnerstag, 14. April 2016

*** 2. SPÄTI-Biennale ***



Liebe Freundinnen & Freunde 


Im September geht diese großartige Veranstaltung in die zweite Runde:



SAVE THE DATE:  *10.09.2016 *
in den Spätkaufshops um den Mariannenplatz!



& für alle, die beim letzten Mal nicht dabei waren, hier ein Artikel über die 1. SPÄTI-BIENNALE 2014.

   

Mittwoch, 24. Februar 2016

Der Tisch

                                                                                 von E.R. Hager


Es war einmal ein Tisch, auf dem trug sich alles zu. Kinder wurden auf ihm gezeugt, Tiere getötet und zerteilt, Speisen zubereitet und gegessen. Es wurde gefeiert und geweint an ihm. Bald wurde er als Esstisch zu klein und diente fortan den Kindern, die ihre Hausaufgaben an ihm machten. Immer wieder wurde er verrückt, doch er gewöhnte sich schnell daran. Er wurde in einen anderen Teil der Stadt gebracht, in eine neue Wohnung, dann in ein Haus am Stadtrand. Er wurde von alternden Händen gebeizt, die ihn von den Landkarten befreiten, die die Kinder auf ihm hinterlasse hatten. Die Kinder waren schon groß und besuchten das Haus nur noch selten. Wenn sie kamen, dann im Beisein neuer Kinder, ihrer eigenen. Als die Bewohner des Hauses starben, erst der Mann, dann, Jahre später, die Frau, nahm einer der Söhne den Tisch mit, lud ihn auf einen Pick Up und fuhr damit in eine andere Stadt. Und wieder stand der Tisch zunächst in einem Esszimmer und später, auch diese Kinder wurden älter, im Zimmer der jüngsten Tochter. Sie malte und schrieb auf ihm, während ihr braunes langes Haar über die Tischplatte floss. Es war eine große, goldene Zeit. Dann kam der nächste Wechsel. Das Mädchen, eine Frau jetzt, trug ihn fort über die Grenzen des Landes. Das Holz ächzte unter der ungewohnten Hitze, doch was machte das schon. Die Frau war glücklich an diesem Ort, der Tisch hatte kein Gefühl. Eines nachts brannte es im Haus. Das Feuer kroch unter der Tür hindurch in das Schlafzimmer der Frau und tanzte über alles und jeden, auch über die Frau, auch über den Tisch. Die Frau überlebte das Feuer knapp. Ihre Haut wuchs an Stellen nicht mehr nach. Ein Bein blieb für immer im Feuer. Auch der Tisch hatte stark gelitten, bis auf eine der hinteren Ecken war er verkohlt. Die Frau, sentimental wie sie war, hielt sich das verbliebene Tischbein ans Knie und humpelte damit vor den Spiegel. Sie gefiel sich mit dieser kühnen Narbe und ließ sich das Tischbein für den Zweck adjustieren. So lernte der Tisch in seiner letzten Zeit das Laufen. Er sah viele Regionen der Welt. Als die Frau Jahrzehnte später starb, begrub man mit ihr auch das Tischbein, unweit des Waldes aus dem der Urgroßvater das Holz für den Tisch eines Morgens mit der Motorsäge gesfräst hatte.  


    

Montag, 19. Oktober 2015

Neues Lied der Liebe

Für Jens & Tatjana ...

                                                      von Elisabeth R. Hager 
(in Anlehnung an einen Text des Autorenlkollektivs Matthäus, Markus, Lukas & Johannes)

Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel spräche,
wenn ich polnisch könnte, c++ & Latein
hätte aber die Liebe nicht,
wäre ich dröhnendes Erz
oder eine nervige Basedrum

& wenn ich prophetisch reden könnte
If I had a dream every night of my life
Wenn ich wüsste wo oben & unten ist
& wie das scheiß Leben geht
Wenn ich alles kennen würde,
- jede Punkband, jede Primzahl, jeden Stern
Wenn ich zwanzig Bausparverträge abgeschlossen hätte
& fünfzig Cent für jeden Bettler auf der Welt
Wenn ich mit einem Fingerschnipen
BERGE versetzen könnte,
Wenn ich all das hätte,
aber die Liebe nicht,
es wär' für'n Arsch

Wenn ich meine ganze Habe verschenkte
mein iphone, das Fahrrad, den Sturzhelm, die Jacht
Wenn ich „vordenkapitalistischenAuswüchsenunsererGesellschaft“ in einen Ashram flöhe & mein Ego auszöge wie ein löchriges Hemd
Wenn ich allen Streit schlichten & jeden Schmerz lindern könnte
Wenn ich keinen einzigen Fehler mehr besäße
hätte aber die Liebe nicht,
es nützte mir nichts.

Die Liebe ist großzügig, die Liebe ist groß.
An jedem Tag im Leben wirft sie ein Paket in deinen Schoß!
Manche sind groß & schwer wie Steine, manche derb, manche Feine, manche in winzige Tütchen gepackt, in Hutschachteln oder grobe Kisten, mit Punkten darauf & Schleifchen darum, mit Bändern & Kordeln, mit Maschen & Schnüren & Laschen in Taschen ...
& was darin ist bestimmst du auch noch selbst!!
Also: Schau rein! Sei mutig & schau rein! Mach die Augen auf & schau einfach rein! Ja, jetzt! Jetzt & an jedem neuen Tag! Schau rein! Komm schon! Schau rein! Darin wirst du finden, was du suchst.
Du sagst: Protect me from what I want!
Ich aber sage dir: Halt den Mund & schau einfach rein!
Mach jeden Tag ein neues Päckchen auf & verschenke, was du darin
findest! Schenke das, was du dir wünscht, jemandem anders & du wirst sehen: Die Liebe ist groß & weit
& sie geht immer weiter.
Sie hat keinen Rand. Sie kann alles, weiß alles
Sie ist die eierlegende Wollmilchsau,
auf der du immer reiten wolltest!

Okay, sie ist nicht immer ein Rosengarten,
& ja, sometimes: Love is a battlefield
Aber trotzdem: Sie prahlt nicht, sie post nicht,
Sie schießt keine Selfies. Sie bläht sich nicht auf,
doch ist sie dehnbar, sie weitet sich aus
(kreisförmig wie eine Supernova)

Die Liebe ist nur selten wütend, Sie trägt das Böse nicht nach
Sie schmeckt nach O-Saft, nach Zucker oder Schnaps,
nach allem, wonach dir grade ist.

Mit den Jahren wird sie haarig, wird sie leiser, wirft sie Falten & wird alt, Manchmal wird sie um die Nase etwas blass. Morgens stinkt sie häufig Aus dem Mund, aber hey, nach dem Zähneputzen ist sie wieder da!
Die Liebe ist vielleicht nicht immer fair,
aber sie freut sich nicht über das Unrecht,
Sie freut sich an der Wahrheit.
(Was auch immer das ist)

Die Liebe hat alles längst verstanden
Sie erträgt alles, glaubt alles, hält allem stand
Sie hofft alles, aber immer nur das beste
Die Liebe ist eine Festung aus Gefühlen.
Sie ist wie der Himmel, sie hat keinen Rand
Sie ist in uns & um uns
& über unsren Häuptern weht sie dahin
& weht immer weiter
& weiter
& immer so weiter
& immer so 
fort

    

Dienstag, 6. Oktober 2015

Weißes Ei


                                von Elisabeth R. Hager

Die Sonne stürzt sich einmal noch auf die Straßencafés
Schmiert zartrosa Farbe auf die Mädchenwangen
Ich habe mein Haus verlassen am ersten warmen Tag
Bin gewandert in Richtung des Güterbahnhofs
Jetzt sitz' ich hungrig unterm Pausenbrotbaum
Zu schwach, aufzusammeln, was von der Kindheit herüber weht
Nachbars Weide leiht mir mitleidig ihr Ohr
Verpiss dich!, sag ich, Dann werd' eben Winter!
Bei all der vorgegebenen Nahtlosigkeit
Sammelt sich Wundwasser in meinen Sollbruchstellen


Geborgen 1981
Aus dem Backstagebereich meines Oberstübchens
Rollt von fern etwas heran, Lokomotivgesicht
Noch aber häng' ich in der Warteschleife
Noch aber irr' ich durch die U-Bahnschächte
Mit Blicken entsaftend, was da ist
(Damenbärte, Monstranzen, verkohltes Besteck )
Da seh' ich die eierstockfarbenen Fliederbüsche,
& eine Zwischenbilanz schält sich heraus
Wunderlich, ein weißes Ei



     

Dienstag, 22. September 2015

Eine Mutter für die Schrauben im System?




Oder - Die Quadratur des schwangeren Bauches
                                           Von Elisabeth R. Hager

Der Text ist soeben erschienen in
  DUM 75 |KINDER - Wann geht's los?


 

   



Lange Jahre verband ich mit dem Wort MUTTER vor allem eine coole Berliner Rockband, nun aber kommt alles anders: Das Fleisch, aus dem ich gemacht bin, ist im Begriff, sich zu reproduzieren. In wenigen Wochen werde ich selbst Mutter sein. Dieser Gedanke löst seit Monaten alle nur möglichen Gefühle in mir aus. Nicht nur, aber auch und besonders: die Schönen.



Freitag, 18. September 2015

Warteschleife


Alles umwickelt eine Bandage aus Zeit

Stunden, Minuten, Wochentage, Jahre
In Kreisbewegung wickeln sie sich ab 
Bis zum Ende irgendwann ...
Nur die Wurst hat zwei

Also los! Go, go & never surrender!

Spinne das Stroh deines Lebens zu Gold!
Durchschreite wie ein Feldherr deinen Tag!
Schmeiße den Blick zu den Sternen!
Blase den Staub von der Welt!

Jetzt, spätnachmittags aber,

Schau in die schwelende Glut 
Sieh' wie sie zögernd sich erhebt
Scheu noch, doch mit schon 
brennender Geduld

   

Montag, 6. Juli 2015

"DIE GRILLE und DIE AMEISE" bei 54stories


Große Freude! 




Meine Sound- & Text-Komposition 
"DIE GRILLE und DIE AMEISE" nach einer Fabel von Jean de La Fontaine wurde von 54stories zur Story der Woche gewählt!
Hier geht's zur Geschichte in Klang & Wort auf 54stories! 

E N J O Y !!!


http://54stories.de/xlvi/



Freitag, 5. Juni 2015

TAGE @ St. Thomas Nachlese


Folgenden Text habe ich für TAGE @ St. Thomas geschrieben. Hier eine Nachlese
Viel Spass!


Das Abläuten der Zeit
Zum Klangkunstprojekt TAGE in der St. Thomas Kirche

                                            Von Elisabeth R. Hager


Seit ich vor Jahren an den Mariannenplatz gezogen bin, gibt es in meinem Leben ein neues Geräusch. Es bimmelt in meinen Alltag hinein, es hallt durch die Gänge meiner Ohren, es windet sich durch mein Gehirn und klingt in steter Bemühung, die Zeit abzuläuten, in mir und um mich herum. Die St. Thomas Kirche, meine rotwangige Nachbarin, ist ein strahlend bauchiges Gemäuer, das einen grellbunten Park überblickt. Kunstfelsenlandschaft at it's best. Und auch mit 150 Jahren auf dem Buckel und unzählbaren Stories in den Fugen, ist sie eine Schönheit, deren Stimme weithin tönt.

In Berlin, „wo die Leute aus Heimweh' hinziehn“1, und besonders hier, im Herzen von Kreuzberg, kommt Ideologie im Allgemeinen und Religion im Speziellen nicht gut an. Zu polyphon für einen gemeinsamen Nenner tönt der Bewohner_innen-Chor. In allen Sprachen, Stimmlagen und Tempi wird gesummt, gesungen und gegrölt; In Kreuzberg wird noch immer laut geträumt, immer öfter allerdings vom gro゚en Geld, immer seltener – man verzeihe mir den Reim – von einer besseren Welt. Doch selbst jetzt, da das Klingeln der Kassen und die Abflüge der Start Up Raketen auch hier zu hören sind, ist die Mischung noch immer ziemlich bunt. Und wenn ich am Sonntag Morgen aus dem Rauschen der Welt die Kirchenglocken hör', klingt das anders als das Geläut meiner Tiroler Katholikenkindheit: Weniger stolz, weniger selbstgerecht, weniger fundamental. Diese Glocken dominieren den akustischen Raum nicht, sie sind eine Stimme von vielen. Und das ist der wichtigste Grund, warum ich sie gerne hör'.

Ja, ich höre sie gern, aber: Wie oft hat mich das Gebimmel schon genervt, wenn es am Abend davor spät geworden ist? Wenn ich lieber weiterschlafen will? Wie oft hab' ich mir gewünscht, dass sie mich verschonen mit ihrem zwanghaft fröhlichen Geläut? Als ich aber letztens in der Thomaskirche war, um unser TAGE-Projekt festzuklopfen, lag dort ein Faltblatt aus, indem man die Geschichte der Kirche erfuhr. Im 1. Weltkrieg, so las ich, schmolz man ihre Glocken ein und machte Munition daraus. Neun lange Jahre verstummten sie ganz. Sie bimmelten nicht in die Tage der Menschen hinein, doch trotzdem war ihr Schweigen beredt. Es markierte einen Ausnahmezustand, der sich andernorts, an der Demarkationslinie von Frieden und Krieg, im Geratter von Maschinenpistolen und in Gewehrsalven entlud. Aus dem warm dröhnenden Bummm Bummm Bumm wurde ein Mark und Bein, Knochen und Fleisch zerschneidendes Rattattattattattatataaa. Die Idee, dass Glockenklänge zu Schüssen werden können, beschäftigt mich seit dem Moment. Und seit ich weiß, wie die Stille der Glocken zu lesen ist, bin ich froh über jedes Gebimmel. Es läutet Frieden. Es läutet Normalität. Es läutet, dass der Ausnahmezustand im Moment nicht eingetreten ist.

Vielleicht liegt es an den Glocken, dass uns die Idee kam, unser Klangkunstprojekt TAGE in dieser Kirche zu zeigen. Denn auch wir verkünden die Zeit. Wir tragen sie in uns. Wir läuten sie ab, ganz ähnlich den Glocken von St. Thomas. An jedem gelebten Tag sprechen wir das Datum und zeichnen es auf. Und wenn wir einen Tag schweigen, ist unser Schweigen viel weniger schlimm. (Bisher brachen keine Kriege aus. Wir sind manchmal einfach nur vergesslich.) Dafür aber bleibt unser Sprechen. Wir nehmen es auf und ziehen so eine Klangspur, Datumsspur, Zeitspur hinter uns her, die uns jeden Tag daran erinnert, dass unsere Stimmen nicht ewig klingen werden. So lange sie aber klingen, so lange klingen sie deutlich.

Meine rotwangige Nachbarin hat ein deutlich hörbares Organ. Und so oft sie mich schon aus dem Schlaf gebimmelt hat, so oft erinnert mich ihr Geläut daran, dass ich vor kurzem gekommen bin und dass ich bald gehen werd' müssen. Dafür danke ich ihr.

TAGE
Lebenslanges Klangkunstprojekt
von Elisabeth R. Hager & Neele Hülcker

Klanginstallation in der Thomaskirche
04.06.2015 | 18:00 – 21:00 Uhr
20:00 Uhr: Artist Talk & Lesung

Eintritt: Freiwillige Spenden für die von der Gemeinde betreuten Refugees


1Aus dem Song „Evergreen“ von Blumfeld

Donnerstag, 14. Mai 2015

TAGE in St. Thomas


ein lebenslanges Klangkunstprojekt 
von Elisabeth R. Hager & Neele Hülcker


In der Thomaskirche am Marianenplatz

Programm:
18:00 Uhr - Beginn Soundinstallation
20:00 Uhr - Artist Talk & Lesung mit Neele Hülcker & Elisabeth R. Hager

Eintritt: Freiwillige Spende für die von der Gemeinde betreuten Refugees